Eine visuelle Erkundung der russischen Street Art Szene

Rezension von Christiane Pietsch

In einer Zeit, in der Street Art vor allem über das Internet und Social Media verbreitet wird, nimmt uns Alex Partola in seinem neuen Buch „WALL ELEMENTS 2“ mit auf eine außergewöhnliche Reise quer durch Russland. Nachdem er im Vorgänger „Wall Elements“ von 2014 bereits einige russische Künstler in ihren Ateliers besucht hat, bereist er nun das gesamte Land um uns seine Auswahl der wichtigsten Straßenkünstler Russlands vorzustellen und dabei die Besonderheiten der lokalen Kunstszenen näher zu bringen. kennenzulernen.

Kunst dort aufspüren, wo sie entsteht

Beim Nachvollziehen der Reiseroute kann einem etwas schwindelig werden ob der schieren Größe des russischen Kontinents. Von der polnischen Grenze geht es ans Schwarze Meet, in den Ural, an den Baikalsee und an die Küste des Japanischen Meeres. Insgesamt 17 Städte hat Partola bereist und dabei 74 Künstler besucht. Im Gepäck eine KAmerasammlung von analoger Spiegelreflex bis zur ferngesteuerten Drohne, um die Kunstwerke bestmöglich einzufangen. Entstanden ist ein äußerst gelungenes Fotobuch in zwei Bänden. Ein Fest fürs Auge und ein Werk für Bibliophile – liebevoll gesetzt und gestaltet.

Einblicke in das künstlerische Schaffen

Band 1 portraitiert Partola die Künstler in ihrem natürlichen Arbeitsumfeld – auf den Straßen der Innenstädte, auf Brachen, in Abrisshäusern und Bauruinen, entlang der Ränder von Autobahnen und Bahngleisen, aber auch in ihren Studios oder in Ausstellungsräumen. Dabei treffen wir auf etablierte Künstler und lernen junge Talente kennen. Sie alle haben für das Projekt WALL ELEMENTS 2 ein neues Kunstwerk geschaffen und sich von Partola bei der Arbeit über die Schulter schauen lassen. In kurzen Texten kommen die Künstler selbst zu Wort und erläutern ihre Motivation. Die Beiträge sind so unterschiedlich wie die Künstler und ihre Werke: kurze, plakative Statements wechseln sich ab mit längeren, teils biografischen Erzählungen.

Die zweisprachigen Texte bieten auch nicht-russischsprachigen Lesern einen guten Zugang. Allein die Städtenamen muss man sich aus dem Kyrillischen errätseln – ähnlich wie komplexe Graffiti Werke erschließen sie sich nur dem geübten Leser.

Künstler Slak aus der Nähe von Moskau: Meine persönliche Hall of Fame, in der ich 2008 das erste Mal gemalt habe […]. Hier bin ich zum Straßenkünstler geworden. […] Die Siedlung ist so weit von Moskau entfernt, dass man den Unterschied deutlich sehen kann.

Künstler Adno aus Kaliningrad: Vereinfachung des Komplexen oder Komplikation des Einfachen.

Inhaltsverzeichnis und Titelseite Jekaterinburg

Die Liebe zur Wand

Die unterschiedlichen Oberflächen, die es in der Stadt zu finden gibt, stellen für viele der porträtierten Künstler einen wichtigen Bestandteil ihrer Arbeit dar. Sie experimentieren mit verschiedenen Untergründen und Hintergrundfarben, malen tendenziell lieber auf bröckelndem Putz als auf glatter Betonwand. Gerade die etwas chaotischen oder versteckten, die wilden und unfertigen Orte der Stadt inspirieren sie und regen zur künstlerischen Auseinandersetzung an.

Es scheint aber auch, als ob die russischen Künstler damit aus der Not eine Tugend machen, denn legale Flächen für Graffiti und Street Art sind in Russland rar, in den meisten Städten schlicht nicht existent. Viele der Künstler thematisieren diesen Mangel und berichten, dass Graffiti und Street Art im Vorfeld der Fußball-WM 2018 durch die Stadtverwaltungen großflächig aus den öffentlichen Räumen getilgt wurden. Damit gingen viele Werke für immer verloren.

Künstler Alexandr Blot aus Saratow: Ich versuche, meine Arbeit vorsichtig in die Landschaft zu integrieren, ohne die Schönheit, die vorher da war, zu zerstören.

Künstlergruppe Rayons aus Jekaterinburg: Die Suche nach interessanten Oberflächen und unerforschten Gebieten hat uns an diesen Ort gezogen. Es gibt viele solche Orte hier.

Verbindung zwischen zwei Welten

Partolas eigene künstlerische Intervention „TUNNEL“ bildet die thematische Klammer des Buches. Die überdimensionale schwarz-weiß Aufnahme eines U-Bahntunnels wird als Paste-Up im öffentlichen Raum installiert. Damit schafft Partola eine Verbindung zwischen Start und Ziel seiner Reise – zwischen Kaliningrad ganz im Westen und Petropawlowsk-Kamtschatky ganz im Osten.

Alex Partola: Tunnel Kaliningrad-Petropawlowsk-Kamtschatky

Reise durch urbane Landschaften

Band 2 ist das fotografische Tagebuch dieser Reise, in dem Alex Partola uns die Eindrücke und Fundstücke entlang seines Weges präsentiert. Anders als im ersten Band bleiben diese Bilder unkommentiert. Die großformatigen Aufnahmen ziehen den Betrachter förmlich in sich hinein. Details von Kunstwerken stehen neben Stadtansichten aus der Vogelperspektive. Geschäftige Straßenszenen wechseln sich ab mit verlassenen Orten an den Rändern der Städte. Partolas Bildsprache bewegt sich fern jeder Hochglanzästhetik. Die Stadtlandschaften, die wir durch seine Augen kennenlernen, sind hässlich und zusammengestückelt, die Natur erobert sich ihren Raum zurück. Selbst die russischen Innenstädte wirken hier wild und aufregend.

Es ist dieses Nebeneinander von Zufälligem und Geplantem, von winzigen Details und weiten Ausblicken, das Städte spannend und anregend macht. Partola versteht es meisterhaft, diese Momente und Atmosphären einzufangen.

Wall Elements 2 inspiriert dazu aus dem Haus zu gehen, mit offenen Augen durch die Stadt zu wandern und Straßenkunst dort aufzuspüren, wo sie gemacht wird. Kann es eine schönere Einladung zum Beginn des Frühlings geben?

Doppelseite Wolgograd

Doppelseite Petropavlovsk-Kamtschatky

Doppelseite Nischninowgorod

Straßenszenen in Moskau

Detail aus Krasnodar

Titelseite St. Petersburg und Künstler 0331C aus Moskau

Text: Christiane Pietsch

Originalfotos: Alex Partola

Abbildungen Buchcover und einzelner Seiten: Christiane Pietsch

 

https://www.instagram.com/alexpartola

https://www.facebook.com/alex.partola

 

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